9punkt - Die Debattenrundschau
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Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.02.2026. Mehr Zirkus als Aufklärung: Die FAZ ist entsetzt von der Debattenkultur, die die Veröffentlichung der Epstein-Akten in den USA offenbart. Und selbst in diesem Zirkus spielen nur die Männer eine Rolle, klagt die SZ. Wie leicht Epstein die nur nicht gerade arme Prominenz ködern konnte, zeigt Le Monde das Beispiel der Tochter Jack Langs. In der NZZ hat der Politikwissenschaftler Mahdi Rezaei-Tazik wenig Hoffnung, dass die Amerikaner den Demonstranten im Iran helfen.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
11.02.2026
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Politik
In der FAZ ist Majid Sattar entsetzt von der Debattenkultur, die die Veröffentlichung der Epstein-Akten in den USA offenbart: "In der höchst polarisierten Gesellschaft verfügt jeder politische Stamm über seine eigenen Fakten, im Zweifel alternative. Im linken Spektrum wird Epstein zur Jagd auf Trump benutzt. Im rechten zur Jagd auf dessen Antipoden - das Clinton-System. Die Wahrheit lässt sich ignorieren, ohne dass man Sanktionen zu fürchten hat. ... Jede Lüge ist erlaubt, nichts hat irgendwelche Folgen." Dass die Clintons sich jetzt entschieden haben, im Kongress auszusagen, ändert daran gar nichts, meint Sattar. "Der vermeintliche Showdown wird ein Zirkus sein: Bill Clinton wird bei seiner Aussage bleiben, nichts über Epsteins kriminelle Machenschaften gewusst zu haben. In Wahrheit haben Clinton und Trump das gleiche Interesse - und das besteht nicht darin, Licht ins Dunkel zu bringen. So geht die Farce weiter." Derweil erhofft sich Epsteins Komplizin Ghislaine Maxwell offenbar Strafmilderung, wenn sie aussagt und dabei die Mächtigen schützt: Sowohl Präsident Donald Trump als auch der frühere Präsident Bill Clinton seien "frei von jeglicher Schuld", hat sie laut FAZ bereits erklärt.
Jörg Häntzschel liest für die SZ angeekelt die E-Mail-Korrespondenzen, die die Epstein-Files zu Tag fördern. Die Opfer allerdings stehen immer noch zu wenig im Fokus, beklagt er: "Als der Literaturagent John Brockman Epstein mögliche Gäste für eine Wissenschaftssoiree vorschlägt, unter denen auch Frauen sind, entgegnet Epstein genervt: 'Den alten Konferenzen war Diversity egal. Dir sollte sie das auch sein. Die Frauen sind alle schwach und eine Ablenkung. Sorry.' Aus ihren Rollen als Statistinnen kommen die Frauen auch jetzt, im Jahr 2026, nicht heraus. In Großbritannien ist wegen der Epstein-Affäre der Premierminister unter Druck; in Norwegen bebt das Königshaus. Täglich verlieren irgendwo auf der Welt wichtige und einflussreiche Männer ihre Posten oder wenigstens ihre Reputation. Doch noch im Fallen bekommen sie alle Aufmerksamkeit, während die Opfer im Schatten stehen wie zuvor."
Eine für beide Seiten gleichermaßen gerechte Lösung gibt es im Nahostkonflikt nicht, meint in der SZ Bernhard Schlink. Dennoch kann man auf Frieden hoffen und auf eine zweitbeste Lösung: "Für manche Probleme und Konflikte gibt es gerechte Lösungen nur, wenn ihr Schema seine Gewalt verliert. Das Schema alter, tiefer Feindschaft mit wiederkehrenden Kriegen verliert seine Gewalt mit dauerhaftem Frieden. Nur selten wird der Friede von Dritten gestiftet. Meistens ist das Geheimnis des Friedens die Erschöpfung, die Erschöpfung zumindest auf einer, am besten auf beiden Seiten. Momentane Erschöpfung führt zu zeitweisem Frieden, währenddessen die Kräfte wieder wachsen und die Revanche geplant wird. Dauerhafter Friede setzt eine dauerhafte Erschöpfung voraus." Und die zweitbeste Lösung? Die Zweistaatenlösung, meint Schlink. "Mag sie auch in Wirklichkeit aussichtslos sein - sie ist und bleibt gerecht. Ihr anderer und gewichtigerer Grund ist, dass auch keine andere, dass einfach keine gerechte Lösung Aussicht hat, verwirklicht zu werden."
Wie könnte es im Iran weitergehen? Der iranisch-schweizerische Politikwissenschaftler Mahdi Rezaei-Tazik denkt in der NZZ über die verschiedenen Möglichkeiten nach. Sollte man auf eine Intervention der Amerikaner hoffen? Für Bodentruppen sei das Land wohl "zu groß. Eine weitere Möglichkeit wäre die Eliminierung des Revolutionsführers durch eine Spezialoperation. Doch dies führte nicht unbedingt zu einem Regimewechsel. Es sei denn, die Menschen würden nach einem militärischen Angriff und der Eliminierung hochrangiger Funktionäre trotz der Einschüchterung durch frühere Massaker tatsächlich die Strassen erobern. Doch das ist ungewiss". Wahrscheinlich stehen die Iraner am Ende doch alleine da, fürchtet er.
Jörg Häntzschel liest für die SZ angeekelt die E-Mail-Korrespondenzen, die die Epstein-Files zu Tag fördern. Die Opfer allerdings stehen immer noch zu wenig im Fokus, beklagt er: "Als der Literaturagent John Brockman Epstein mögliche Gäste für eine Wissenschaftssoiree vorschlägt, unter denen auch Frauen sind, entgegnet Epstein genervt: 'Den alten Konferenzen war Diversity egal. Dir sollte sie das auch sein. Die Frauen sind alle schwach und eine Ablenkung. Sorry.' Aus ihren Rollen als Statistinnen kommen die Frauen auch jetzt, im Jahr 2026, nicht heraus. In Großbritannien ist wegen der Epstein-Affäre der Premierminister unter Druck; in Norwegen bebt das Königshaus. Täglich verlieren irgendwo auf der Welt wichtige und einflussreiche Männer ihre Posten oder wenigstens ihre Reputation. Doch noch im Fallen bekommen sie alle Aufmerksamkeit, während die Opfer im Schatten stehen wie zuvor."
Eine für beide Seiten gleichermaßen gerechte Lösung gibt es im Nahostkonflikt nicht, meint in der SZ Bernhard Schlink. Dennoch kann man auf Frieden hoffen und auf eine zweitbeste Lösung: "Für manche Probleme und Konflikte gibt es gerechte Lösungen nur, wenn ihr Schema seine Gewalt verliert. Das Schema alter, tiefer Feindschaft mit wiederkehrenden Kriegen verliert seine Gewalt mit dauerhaftem Frieden. Nur selten wird der Friede von Dritten gestiftet. Meistens ist das Geheimnis des Friedens die Erschöpfung, die Erschöpfung zumindest auf einer, am besten auf beiden Seiten. Momentane Erschöpfung führt zu zeitweisem Frieden, währenddessen die Kräfte wieder wachsen und die Revanche geplant wird. Dauerhafter Friede setzt eine dauerhafte Erschöpfung voraus." Und die zweitbeste Lösung? Die Zweistaatenlösung, meint Schlink. "Mag sie auch in Wirklichkeit aussichtslos sein - sie ist und bleibt gerecht. Ihr anderer und gewichtigerer Grund ist, dass auch keine andere, dass einfach keine gerechte Lösung Aussicht hat, verwirklicht zu werden."
Wie könnte es im Iran weitergehen? Der iranisch-schweizerische Politikwissenschaftler Mahdi Rezaei-Tazik denkt in der NZZ über die verschiedenen Möglichkeiten nach. Sollte man auf eine Intervention der Amerikaner hoffen? Für Bodentruppen sei das Land wohl "zu groß. Eine weitere Möglichkeit wäre die Eliminierung des Revolutionsführers durch eine Spezialoperation. Doch dies führte nicht unbedingt zu einem Regimewechsel. Es sei denn, die Menschen würden nach einem militärischen Angriff und der Eliminierung hochrangiger Funktionäre trotz der Einschüchterung durch frühere Massaker tatsächlich die Strassen erobern. Doch das ist ungewiss". Wahrscheinlich stehen die Iraner am Ende doch alleine da, fürchtet er.
Europa
Die Meinungsfreiheit ist in der Türkei immer noch stark eingeschränkt, auch wenn die Regierung die Zahl der inhaftierten Journalisten mit einem Trick auf drei reduziert hat: Die anderen sitzen jetzt mit Fußfesseln im Hausarrest fest und fallen damit aus der Statistik, berichtet Bülent Mumay in der FAZ. Und auch beim Aufhübschen der Wirtschafts- und Arbeitslosenzahlen beweist Erdogan große Fantasie, so Mumay. Doch der wirtschaftliche Niedergang der Türkei lasse sich nicht vertuschen: "2025 reisten rund zehn Millionen Türken ins Ausland, im Gegenzug kamen 50 Millionen Ausländer zu uns auf Besuch. Dennoch haben die zehn Millionen Türken im Ausland doppelt so viel ausgegeben wie die ausländischen Besucher bei uns. Und die Türken kaufen dort nicht etwa Luxusgüter. Früher waren wir ein Textilparadies, heute kleiden wir uns im Ausland ein. Früher waren wir Agrarland und Lebensmitteldepot der ganzen Region, heute tragen wir in unseren Koffern Fleisch und Käse aus dem Ausland nach Hause."
Kulturpolitik
Ivanne Trippenbach erzählt in Le Monde, wie Jeffrey Epstein dem ehemaligen französischen Kulturminister Jack Lang und seiner Tochter Caroline einmal vorschlug, eine Firma zu gründen, ganz zum Vorteil der Langs: "Aus den E-Mails geht hervor, dass Jeffrey Epstein diese Idee hatte, sie Jack Lang im November 2015 vorstellte und sie anschließend seiner Tochter zusammenfasste: Warum nicht einen Fonds mit 20 Millionen Dollar einrichten, aus dem Jack Lang Kunstwerke kaufen kann, um sie später weiterzuverkaufen und den Gewinn zu gleichen Teilen zwischen ihm und der Familie Lang aufzuteilen? 'No risk for your side. It will be fun!' ('Kein Risiko für Sie, es wird Spaß machen!'). 'Wow!!!', antwortete Caroline Lang."
Wissenschaft
In der FAZ steigt jetzt auch der Historiker Christoph Dieckmann in die Debatte um Grzegorz Rossoliński-Liebe ein (unsere Resümees hier, hier und hier). Auch Dieckmann weist den Vorwurf zurück, deutsche Historiker interessierten sich nur für deutsche NS-Täter, aber nicht für die Kollaborateure in anderen Ländern. Dieckmann listet als Gegenbeweis eine ganze Reihe von Historikern auf, die sich mit der Beteiligung von Nichtdeutschen an antisemitischen Verbrechen befasst hätten. Bei der Beschreibung dieser Beteiligung gehen die Meinungen allerdings auseinander: "Wir schätzten den normativen Kollaborationsbegriff, den zum Beispiel Rossoliński-Liebe bis heute verwendet, eher kritisch ein und suchten nach anderen, weniger belasteten Begriffen."
Ideen
In der taz versucht sich Robert Misik an einer Definition des Faschismus, die schwierig sei, weil dieser immer wieder sein Gesicht wechsle. Dennoch ein Versuch: "Faschistische Bewegungen zeichnen sich durch eine Reihe von Charakteristika aus: Führerkult, paranoide Weltbilder, die permanent geschürt werden, ein absolutes Schwarz-Weiß-Denken, antagonistische Feindbilder, vor allem von Minderheiten, aber auch gegen innere Feinde. Aggression, die unablässig aufgepeitscht wird. Maximale negative Emotionalisierung, um eine Anhängerschaft in eine erregte und wütende Masse zu verwandeln. Die Anhängerschaft wird zur Bewegung erklärt und die Partei zur 'Antipartei', die gegen die 'Systemparteien' steht. Ein Großteil dieser Charakteristika wird von den rechtsextremen Bewegungen in ihrer Spirale der Selbstradikalisierung zweifelsfrei erfüllt."
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